2011 | HDF, Kunststoff

Schkopau ist eine Gemeinde im Süden von Halle. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang der 1930iger Jahre erlangte der Ort unter der Bezeichnung BUNA Werke überregionale Bekanntheit als Industriestandort. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die BUNA Werke zu einem der größten Chemiekombinate der DDR ausgebaut. Vorrangig wurden hier Kunststoffe entwickelt und massenhaft produziert. Der Slogan „Plaste und Elaste aus Schkopau“ wurde zum Leitmotiv der sozialistischen Produktionswelt. Plastik bedeutete Wohlstand, Verfügbarkeit und eine nahezu unbegrenzte und überaus vielfältige Produktpalette. Was ist von dieser fragwürdigen Fortschrittsbehauptung übrig geblieben nachdem ein Großteil der Anlagen stillgelegt oder schon abgerissen wurde?
Lässt sich ein solcher Ort überhaupt angemessen beschreiben? Auf der einen Seite stützte er die Autarkiebestrebungen eines faschistischen Systems und auf der anderen Seite prägte er die Produktästhetik eines sozialistischen Systems. In der Gegenwart wiederum versucht man lediglich die reine Wirtschaftlichkeit des Ortes in den Mittelpunkt zu stellen und blendet sämtliche historische Komplexitäten aus. Was bleibt ist die Brache.
Der Ort selbst fällt durchs Raster. Dennoch finden sich vielerorts noch ideologische Fragmente; das Werkstor, die verfallenen Verwaltungsgebäude und monumentale Außenskulpturen. Verschiedene systemimmanente Schichten liegen hier übereinander. Eine Annäherung daran kann archäologischer Natur sein. Die Ausgrabung wird zur Analyse. Eine solche Methode ist deshalb interessant weil sie ein anderes Klassifizierungssverfahren nutzt als das der chronologisch angelegten Aufarbeitungsmethode. Innerhalb meiner Arbeit begreife ich den Begriff
der Ausgrabung als eine erweiterte Form des Dérive. Ich möchte den Ort nicht katalogisieren sondern viel eher eine Art Versuchsanordnung schaffen. Diese beinhaltet das ziellose Erkunden und das Sammeln verschiedener Plastikreste in Schkopau. Sie sind für mich die antiken Scherben, das Forschungsmaterial auf das ich mich stütze, um diese Form räumlicher und sozialer Brache zu beschreiben.
Der Prozess des Siebens und des Aufschlüsselns in immer kleinere Teilsegmente liefert hierfür ein Model der Einordnung von Realitätsausschnitten auf einer räumlichen nicht chronologischen Ebene. Durch den Prozess des Siebens und der damit verbundenen Veränderung der entstehenden Beziehungen greift die Arbeit wiederholt den Gedanken einer Landschaftswahrnehmung „in progress“ auf und vermeidet dabei die museale Zementierung des Gefundenen.

Dadurch, dass sich die zusammenkommenden Objektteile einer zeitlichen bzw. chronologischen Festschreibung entziehen, stellt sich die Frage nach den Beziehungen zwischen den Objekten hinsichtlich ihrer Materialität, Form und ursprünglichen Funktion neu. Die daraus entstehenden Verknüpfungen lassen sich als eine Form der Topologie begreifen. Diese Anordnung ist jedoch offen und scheinbar zufällig. Die Siebe sind somit auch als soziale oder historische Metapher lesbar.