Einen neuen Erinnerungsort schaffen

Konzept für einen neuen Gedenkort in Böhlen für die Opfer von Zwangsarbeit

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Dem Ort Böhlen kam während der NS-Zeit eine wichtige Rolle als Zentrum der Rüstungsproduktion zu. Es gab mehrere Großunternehmen die kriegsentscheidende Grundstoffe, wie Treibstoffe, Energie und Edelstähle produzierten. Die ansässigen Firmen expandierten vor und während des 2. Weltkrieg sehr stark, was mit dem wirtschaftlichen Aufstieg und Ausbau des Ortes Böhlen Hand in Hand ging. Um dies zu ermöglichen wurden in den Kriegsjahren auch massiv Zwangsarbeiter_innen eingesetzt, die in Lagern um Böhlen untergebracht waren und unter menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgebeutet wurden. Es ist ebenfalls bekannt das 1944 ein KZ-Außenlager in Böhlen errichtet wurde. Neben dem Einsatz in der Industrie, wurden viele der in Böhlen wohnhaften Zwangsarbeiter_innen im privatwirtschaftlichen Sektor eingesetzt. Dort mussten sie bei Bauern und Handwerkern arbeiten oder Hilfe beim Luftschutz leisten. Im Zuge des Braunkohleabbaus, während der DDR-Zeit hat sich die Landschaft um Böhlen stark verändert und viele der damaligen Lagerstandorte sind heute nicht mehr sichtbar.

Das Gedenken an diese Zeit ist bis in die Gegenwart eine Leerstelle im Böhlener Stadtbild. Zwar gibt es ein zentrales Denkmal, welches den „Opfern des Faschismus“ gewidmet ist, jedoch keinen Platz der explizit den Zwangsarbeiter_innen gedenkt. Die Schaffung eines solchen Ortes ist unserer Meinung nach jedoch eine Notwendigkeit. Dabei spielt neben der wissenschaftlich geschichtlichen Aufarbeitung auch die Frage: „Wie man ein zeitgenössisches Denkmal gestalten kann?“, eine zentrale Rolle. Jede Generation muss sich unserer Meinung nach neu damit auseinandersetzen, Wie und an Was erinnert wird. Die in Böhlen bestehenden Gedenkorte stammen alle aus der DDR-Zeit und orientieren sich damit am entsprechenden Wertekanon dieses Systems. Ein damit gebauter Ewigkeitsanspruch vergröbert jedoch ein historisches Bewusstsein eher, als es entstehen zu lassen. Zudem ist es sehr schwierig das Gedenken an diesen Orten zu aktualisieren oder um aktuelle Erinnerungsdebatten zu erweitern. Dieses Paradoxon des Denkmals wollen wir in unserem Entwurf lösen, indem große Teile des Denkmals fragil und temporär sind, und durch Witterungseinflüsse verfallen werden. Damit wird ein Ort geschaffen an dem zukünftige Generationen, neu mit der Erinnerung an diese Zeit in Interaktion treten können. Zugleich dient uns historisches Bildmaterial aus Archiven als Ausgangspunkt für die Gestaltung des Denkmals. Somit versuchen wir konzeptionell eine Verknüpfung zu schaffen, die von der Vergangenheit in die Gegenwart reicht und offen gegenüber der Zukunft ist. Eine ausführliche Beschreibung des Denkmalskonzept haben wir im Rahmen des Projektes als Buch publiziert. Um unser Vorhaben nach außen zu kommunizieren haben wir uns dazu entschlossen eine Petition in den Böhlener Stadtrat einzureichen. Der Text fasst Schwerpunkte unserer Recherche zusammen und bekräftigt die Forderung nach der Notwendigkeit eines neuen Gedenkortes. Über das Mittel der Petition versuchen wir unsere konzeptionellen Überlegungen zu vermitteln, diese in einen realen politischen Prozess einzubringen und öffentlich zur Diskussion zu stellen.

Unsere Konzeption hat bewusst utopischen Charakter, dies resultiert zum Einen aus Fragen und Anforderungen, die wir uns selber zum Thema Denkmal gestellt haben. Auf der anderen Seite soll das Projekt das Thema Zwangsarbeit, auf einer relationalen kommunikativen Ebene zurück in das Bewusstsein der Böhlener Bürger rufen. Ein Denkmal kann nur ein kleiner Teil des Erinnerns sein, eine gelebte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des eigenen Wohnortes ist für uns das wesentliche Anliegen, welches wir durch das Projekt triggern möchten.