Die Geschichte eines Raumes für Kunst und Kultur in Vietnam

Welches Bild von Kunst und Kultur bestimmt unsere Vorstellung, wenn wir an die Region Südostasien denken? Sind es nicht immer noch hauptsächlich die Relikte vergangener Zeiten, die wir exotisieren und die unsere Vorstellung beflügeln? Pagoden, Tempel und alte Handwerkskunst manifestieren sich vor unserem inneren Auge, aber was ist mit der zeitgenössischen Kunst in dieser Region?

Markt und Rezeption von bildender Kunst sind sehr stark von einem Wissens- und Bildungsideal dominiert, welches in Europa entstanden ist. Der Kunst kann in diesem Zusammenhang durchaus eine Rolle als koloniales Werkzeug zur Demonstration von Machtverhältnissen zugeschrieben werden. Dieses Bild wird zwar zunehmend kritisch reflektiert und das Kunstfeld internationalisiert sich langsam zum Positiven, aber dennoch bleibt klar, wer die Geschichte schreibt.

Der Komplexität dieses Themas gerecht zu werden, ist jedoch nicht die Aufgabe dieses Textes. Vielmehr möchte ich die Geschichte eines Ortes vorstellen, der seine eigene Geschichte geschrieben hat. Es handelt sich um einen ehemaligen Fabrikkomplex im Zentrum von Hanoi, Vietnams Hauptstadt – architektonisch ein Mix aus französischen Kolonialbauten und Soviet-Brutalismus, vielen Einwohnern Hanois besser bekannt als Khu 9 oder Zone 9. Noch bis zum Ende vorletzten Jahres stellte eine Firma hier Medikamente her. Wenige Monate später wurden mehrere KünstlerInnen auf das Gelände aufmerksam und richteten sich dort ihre Arbeits- und Wohnstätten ein. In nur sechs Monaten entwickelte sich der Ort zu einem zentralen Punkt zeitgenössischer Kunst in Hanoi. Unter den mehr als 60 NutzerInnen fanden sich KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen, Galerien, Projekträume sowie Bars und Clubs. Es war das erste Mal, dass so ein Ort in Vietnam etabliert werden konnte. Das weckte die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Freiraum jenseits der staatlichen Zensur. Die Entwicklung auf dem Gelände verlief sehr schnell, was zum einen zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Orten ist, die ein anderes Denken zulassen. Andererseits beschlich einen das Gefühl, dass sich hier die Dynamik eines Aufwertungsprozesses im Zeitraffer abspielte. Es wurde eigentlich immer gebaut, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, und die Summen, die Personen in den Ort investierten, stiegen kontinuierlich.

Dennoch lässt sich eine pauschale Kulturindustrie-Kritik nicht auf den Ort anwenden. Das Bedürfnis, sich zu vermarkten, war in diesem Fall auch ein Schutzmechanismus. Ohne ein Netzwerk internationaler Unterstützung wäre es für die offiziellen Stellen viel einfacher gewesen, den Ort zu schließen, was in der Vergangenheit bei ähnlichen Projekten auch immer der Fall war.

Natürlich muss auch zwischen den Interessen der NutzerInnen differenziert werden: Während beispielsweise die Kunsträume Nha San Collective und Tadioto von ihrem Profil her sehr progressiv waren, fanden sich auch die Copy-Paste-Versionen westlich konsumorientierter Clubs und Cafés wieder. Dennoch war es die Mischung aus Autowaschanlage, Waffelladen und junger nicht-etablierter Kunstszene, die den Ort besonders machte. Es gab eine Stimmung, die KonsumentInnen das Gefühl gab ProduzentInnen sein zu können. Nicht an vielen Orten in Vietnam gab es Murals von Bob Marley zu sehen oder war es möglich, ein Queer-Festival zu veranstalten. Die Zone 9 war einer der ersten Orte, wo jenseits staatlich verordneter Aufklärungsprogramme über Sexualität gesprochen werden konnte. Auf einer Meta-Ebene wurde hier die Frage verhandelt, wie kulturelle Identitäten im heutigen Vietnam aussehen können. Viele der NutzerInnen haben längere Zeit im Ausland gelebt, die Kunst, die hier entstand, ist inhaltlich als auch formal eigenständig und funktioniert unabhängig von einem europäischen und nordamerikanischen Kunstgeschichtskanons.

Schon seit Beginn war klar, dass die Zone 9 keine Sicherheiten bietet und von einem auf den anderen Tag geschlossen werden konnte. Trotzdem gab es immer wieder neue InvestorInnen, die zum Teil erhebliche Summen in dieses Areal steckten.

Auf der Baustelle eines neuen Clubs kam es Mitte November 2013 zu einem tragischen Unfall. Bei Schweißarbeiten brach ein Feuer aus, das sechs Menschen nicht überlebten. Infolgedessen begann eine öffentliche Diskussion über die Sicherheit in der Zone 9, das Gelände wurde für mehrere Tage geschlossen. Leider endete die Debatte damit und stellte nicht die Frage nach der Arbeitssicherheit vietnamesischer Baustellen im Allgemeinen.

Die NutzerInnen reagierten schnell auf diesen Vorfall und organisierten eine Solidaritätsaktion, um Geld für die Familien der Opfer zu sammeln. Dennoch gab es Anfang Dezember 2013 den Beschluss der Stadtverwaltung (Volkskomitee), die Zone komplett zu schließen. Als offizieller Grund wurde der bauliche Zustand des Geländes angeführt, jedoch spielten Eigeninteressen des Grundstückeigners wohl eine bedeutendere Rolle. Dieser muss nach vietnamesischem Recht Bautätigkeit auf dem Grundstück nachweisen oder er verliert seinen Nutzungsanspruch. Das Problem war jedoch, dass der Besitzer das Gelände weitervermietet hatte. Eine Kette von Untermietverträgen machte einen direkten Dialog zwischen NutzerInnen, Stadtverwaltung und Eigentümer unmöglich. Damit wurde die Schließung endgültig und mit ziemlicher Härte durchgesetzt. Die Frist für die Räumung war ursprünglich auf nur zwei Tage angesetzt (später wurde der Zeitraum doch noch verlängert), was es zum einen natürlich schwer machte, überhaupt die eigenen Dinge zu retten, und zum anderen die Möglichkeit nahm, sich rechtlich oder zivilgesellschaftlich gegen diese Entscheidung zu organisieren. Zeitgleich zur Nachricht der Räumung wurden im Gelände Wasser und Strom abgestellt.

Überreste der Zone 9 in einer Instalation.

Überreste der Zone 9 in einer Instalation.

Die Immobiliengesellschaft, die die ungültigen Mietverträge ausgestellt hatte, wurde nicht zur Rechenschaft gezogen. So lastet sehr viel Druck auf den NutzerInnen des Geländes. Dies zeigt sehr gut die Machtverhältnisse, die sich in Vietnam oftmals finden. Keine der an der Zone aktiv beteiligten Personen ist nah genug mit den lokalen Eliten verbunden, um das Bedürfnis nach einem neuen Gelände oder einer Kompensation überhaupt artikulieren zu können, während die Frage nach den unrechtmäßig ausgestellten Mietverträgen nicht aufkommt. Im Gespräch mit einer Vertreterin vom Kunstraum Nha San Collective zeigt sich die Frustration gegenüber der Situation: “Ich dachte, Dinge lassen sich verändern, als ich nach dem Studium zurück nach Vietnam gekommen bin. Wir haben unsere Hoffnungen und unser gesamtes Budget in diesen Ort investiert und können jetzt eigentlich nicht mehr arbeiten. Die KünstlerInnen sind es gewöhnt vom Staat unterdrückt zu werden, aber für mich ist das gerade sehr hart“.

Von Seiten der Stadtverwaltung gibt es wenig Interesse, die zeitgenössische Kunst in Hanoi zu unterstützen. Dass es eine aktive zeitgenössische Kunstszene gibt, wird schlichtweg ignoriert. Die Kunstmuseen des Landes kaufen weder zeitgenössische Kunst an, noch gibt es andere staatlich organisierte Programme, um sie finanziell zu unterstützen. Jegliche Infrastruktur muss durch die KünstlerInnen selber entwickelt und hergestellt werden. In der Praxis bedeutet das, dass man sich Wege suchen muss, um Dinge gemeinschaftlich und lokal zu entwickeln.

Wenn auch nur für einen kurzen Moment, so hat der Ort der Zone 9 gezeigt, dass selbstorganisierte zivilgesellschaftliche Prozesse in Vietnam möglich sind. Es zeigt sich aber auch, dass zum Handeln immer auch ein Plan B gehört. Die Erfahrungen mit der Zone münden deshalb hoffentlich in ein neues Projekt, über das sich die zeitgenössische Kunstszene Öffentlichkeit verschaffen kann.

Martin Haufe studiert Medienkunst (Bildende Kunst) an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und absolvierte ein Praktikum bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hanoi. Der vorliegende Text wurde in der Zeitschrift Südostasien 2/2014 veröffentlicht.