2011 | Infobroschüre, Radiointerview

Die Investition in Infrastruktur gilt als Allheilmittel um eine Region attraktiv zu halten. Dabei fädeln sich Einkaufserlebniswelten, Gewerbegebiete, und Wohnparks wie Perlen an den Ausfallstraßen auf. Im Schatten solcherlei Erfolgsstories wachsen jedoch die laufenden Kosten für die Instandhaltung von Straßen, Strom- und Wasserleitungen stetig. Das Ticket für diese suburbane Welt liefert das Automobil. Der Individualverkehr belastet dabei die Umwelt und versiegelt vorhandene Grünflächen. Dies führt den viel proklamierten Slogan vom „Haus im Grünen“ ad absurdum. Der Eigentumsromantik vom Fertighaus im Wohnpark urde durch Eigenheimzulage und Pendlerpauschale ein gutes Fundament gelegt. Neues Bauland wird günstig zur Verfügung gestellt ohne jedoch auf die vorhandene urbane Struktur Rücksicht zu nehmen.
Um sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen, wurde im Vorfeld der Ausstellung „15,50“ die Agentur für Agglomeration gegründet. Ziel dieser neuen Planstelle ist es, sich überaffirmativ mit dem oben beschriebenen Zersiedlungsprozess auseinanderzusetzen. Hierbei wurden diverse städteplanerische Szenarien erläutert und die Agentur kam zu dem Entschluss, das der Öffentliche Personennahverkehr innerhalb Neustrukturierung urbaner Räume bisher zu wenig Beachtung findet. Man entschied deshalb das Ringbahnprojekt zu initiieren, eine neue Tramlinie, deren Trasse um die Stadtgrenzen verläuft und somit das Mobilitätsdefizit zwischen Stadt und Umland schließt. Das Bauvorhaben stellt bewusst Bezüge zur Berliner Ringbahn her und steht für ein Repräsentativprojekt urbaner Größe. Es setzt ein Zeichen für potentielle Investoren. Die Region sagt: „JA“ zu Flexibilität & Veränderung und ist trotz angespannter städtischer Haushaltslage bereit zu investieren.
Um die Bevölkerung möglichst schnell über das Projekt zu informieren wurde eine Infobroschüre veröffentlicht und in Straßenbahnen sowie den Servicebüros der HAVAG verteilt. Die Broschüre enthält neben Informationen über Streckenlänge, Baukosten und Dauer des Bauvorhabens auch weitere Infotexte über die Konzeption der Innenstadt als touristischer Themenpark. Nach der Veröffentlichung der Broschüre wurde ein Vertreter der Agentur zu einem Radiointerview eingeladen, bei dem er die Rolle von Infrastruktur als Standortvorteil von Unternehmen betonte und die Bürger dazu animierte die nötigen Enteignungen für den Bau der Trasse als Notwendigkeit zu akzeptieren um die Region Halle als Wachstumskern für die Zukunft vorzubereiten.

Aufgrund dieser beiden Aktionen entstand eine rege Diskussion innerhalb der Hallenser Bürgerschaft, die ihre Fragen auch an das örtliche Stadtplanungsamt adressierte, welches sich dadurch überfordert fühlte und versuchte eine Richtigstellung durch die Agentur für Agglomeration zu erwirken. Innerhalb der Agentur selbst sah man diesbezüglich jedoch keinen Handlungsbedarf, da durch das Bauvorhaben „Ringbahn“ lediglich der städtebauliche „IST“ Zustand vorgeführt wurde.